Resteessen im Atlantic Sail City Hotel Bremerhaven

Grünes Hotel Deutschland

Dem aufmerksamen Instagramnutzer und Besucher meines Feeds, wird nicht entgangen sein, dass ich mich vor ein paar Wochen nach Bremerhaven aufgemacht habe, um dem Resteessen im ATLANTIC Hotel Sail City beizuwohnen.

Kooperation

Bremerhaven Hotel

„Resteessen“, erstmal eine provokante Ankündigung und nicht unbedingt etwas,

was man gemeinhin mit einem 4-Sterne-Hotel dieser Tage assoziiert. Für mich erstmal ein Kombination, die sehr spannend klingt und mich dazu veranlasst, dieser Anfrage Aufmerksamkeit zu schenken.

Das ATLANTIC Hotel Sail City am norddeutschen Weserdeich hat es sich zur Aufgabe gemacht, wirtschaftliche Faktoren mit denen der Nachhaltigkeit zu verknüpfen. Das eigene Handelns ökologisch vertretbar machen, ohne es dem Gast an etwas mangeln zu lassen.

Bremerhafen Hotel

Ich komme also von Hamburg, nach einer Fahrt von 1,5 Stunden, im recht diesigen Bremerhaven an und betrete nach meiner Ankunft im Hotel mit einem ordentlichen Hungergefühl mein lichtdurchflutetes Zimmer. Mit Fensterfronten kriegt man mich halt. Der Blick veranlasst mich dazu, erstmal auf dem Fensterbrett Platz zu nehmen und mit den Augen ins Wasser abzutauchen. Meine Herberge für die nächsten 24 Stunden würde ich als elegant-einfach beschreiben. Ordentlich, sauber und ohne viel Schnick-Schnack.

Bremerhaven

Unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit schaut man  an diesem Ort natürlich nochmal ganz anders auf die Ausstattung des Zimmers und es liegt leider in der Natur des Menschen, dass einem erstmal die Unstimmigkeiten ins Auge fallen.
Auf den Kopfkissen einzeln verpackte Gummibärchen und im Badezimmer finde ich ein paar Hygieneartikel, die zu sehr kleinen Einheiten separat in Plastik verpackt sind. Petitessen, ja, aber eben nicht ganz konsequent. Auf die üblichen Mini-Shampoo- und Seifenfläschen wurde dann doch verzichtet und stattdessen Spender mit Natur(kosmetik)produkten fest installiert. An mehreren Stellen im Zimmer werde ich zu Nachhaltigkeitentscheidungen angeregt: Zum Beispiel werde ich gebeten mein Handtuch aufzuhängen wenn ich es mehr als einen Tag benutzen will. Oder: Beim Verlassen des Zimmers werde ich daran erinnert, das Licht zu löschen.

Bremerhaven Atlantic Hotel

Über allem schwebt der Satz „Nachhaltigkeit ist ein Prozess“ und im Grunde ist es auch genau das, was ich versuche zu leben. Wenn wir Dinge erst dann tun, wenn wir im Stande sind sie 100%ig „richtig“ zu tun, werden wir sie vermutlich niemals tun. Jedes bisschen, was hin zu mehr Respekt gegenüber den Ressourcen geht, ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Ich trinke von dem bereitgestellten Liter Wasser aus der Glasflasche und begebe mich in Richtung Dinner.

Zusammen mit United Against Waste e.V, einer Initiative, die Lösungen zur Reduktion von Lebensmittelabfällen in Großbetrieben erarbeitet, organisiert das ATLANTIC Hotel Sail City einen lockeren Abend mit interessierten Menschen  unterschiedlicher Professionen.

«Wir haben mit Absicht den Begriff Resteessen gewählt, um zu polarisieren und zum Nachdenken über Lebensmittelverschwendung anzuregen», sagt Hoteldirektor Tim Oberdieck.

Gut zu wissen übrigens: Das mit Nachhaltigkeit gefüllte Event kann von Gruppen gebucht werden und stellt so ein sinnvolles und gleichzeitig unterhaltsames Firmenevent da.

Nachhaltigkeit im Hotelbetrieb

Unten im Saal angekommen wird die Jacke abgelegt und ein Getränk genommen. Die Tische sind geschmackvoll eingedeckt; der Begrüßungsdrink sehr lecker und von überall her immer wieder der Blick auf das geliebte Wasser.
Aber da gibt es noch einen weiteren Blickfang: Drei durchsichtige Behälter mit verschiedenen Aufdrucken: Überproduktion, Tellerrücklauf und Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD)

Dominik Flettner, seines Zeichens Küchenchef, betritt die Szene und positioniert sich neben den eben erwähnten Behältern. Er gibt uns Transparenz darüber, wie genau diese Behälter für mehr Bewusstsein bezüglich Lebensmittelabfällen sorgen können. „Wenn du am Ende des Tages siehst, was du alles in die durchsichtige Tonne gefeuert hast, entsteht ein Bewusstsein für die Menge. Landet jedoch alles in einem undurchsichtigen Behälter, hat das Bewusstsein keine Chance. So müssen bzw. können wir uns auch nicht mehr mit mit der Thematik beschäftigen, geschweige denn an der Reduktion der Abfälle arbeiten.“
Eine zusätzliche Unterteilung des Abfalls ermöglicht eine Optimierung der einzelnen Vorgänge.

Bremerhaven Hotel

Ein Beispiel: Wenn von einer Mahlzeit, die 400g-500g wiegt im Schnitt 100g-150g vom Gast nicht verzehrt werden, also als Tellerrücklauf wieder in der Küche und von dort aus in den Abfall wandern, so könnte man grundsätzlich über Portionsgrößen etc. nachdenken.

Die Behälter werden Abends gewogen, das Ergebnis festgehalten und in der Folge an eventuellen Stellschrauben gedreht. Neben der Lebensmittelverschwendung, die so reduziert werden kann, wird auch kosteneffizienter gearbeitet.

Während wir in wirklich angenehmer Atmosphäre ein ausgesprochen wohlschmeckendes Dinner genießen dürfen, werden wir zwischen den Gängen über die einzelnen Prozesse hinter der Bühne Informiert.

Resteessen Atlantic Hotel

Alle Gänge wurden aus übrig gebliebenen Lebensmitteln vom Frühstücksbüffet oder vom Tagungsbankett zubereitet. Die hier durchdachte Vorgehensweise beim Bereitstellen von Büffets vermeidet, dass zu viele Speisen unverzehrt zurückbleiben – denn: Was einmal im Gastraum war darf nicht noch einmal angeboten werden und muss in den Müll. Darum setzt man hier im ATLANTIC auf ansehnlich angerichtete, nicht überladene Büffets, und legt stattdessen regelmäßig Frisches nach, was nicht nur sinnvoll ist, sondern auch nach oben gerollte Käseränder verhindert. Speisen verlassen also gar nicht erst unnötig die Küche und finden so ihre Bestimmung beim nächsten Essen.

Ich selber versuche schon so wenig Abfall beim Kochen zu produzieren wie möglich, erfahre aber dennoch einiges Neues. Mein Food-Highlight waren frittierte Karottenschalen. Unfassbar lecker – ähnlich wie Röstzwiebeln nur sehr viel verträglicher für meinen Magen. Kartoffeln und Möhren einfach vor dem Schälen ordentlich waschen und schon kann man sie weiterverwenden. Das mache ich jetzt auch so. Die Randstücke der Tomaten landen nur selten auf dem Teller der Gäste, hier hat man sie aber gehackt und zu Bruschetta verarbeitet – Kein Tomatenabfall also… ist das nicht schön?

Aus offensichtlichen Gründen schmerzt mich Lebensmittelverschwendung im Allgemeinen, beim Konsum von Lebewesen natürlich aber ganz besonders. Uns wird erläutert, was von einem Fisch üblicherweise verzehrt wird und wie groß der Anteil am Tier ist, der unverarbeitet in die Tonne wandert. Nicht mein Thema, trotzdem schön zu wissen, dass man hier bemüht ist, wirklich annähernd alles der Kreatur zu verwenden.

Nach dem Essen, welches für mich selbstverständlich vegan gestaltet wurde, gibt es noch einen Kaffee und ein paar gute Gespräche. Wie immer bin ich mehr als angetan, wie offen die Menschen sich mit mir über Veganismus unterhalten, wie begeisterungsfähig viele sind und wie viel mehr Bewusstsein es mittlerweile für dieses Thema gibt, verglichen mit vor 11 Jahren, als ich anfing mich tierfrei zu ernähren.

Atlantic Sail City Hotel

Ich bin das Rauschen der Großstadt vor meinem Fenster gewöhnt und genieße eine Nacht mit dem Rauschen des Wassers und wandele ausgeschlafen zum 100% verpackungsfreien Frühstück. Mit Blick auf’s Wasser – klar.

Hier sucht man einzeln verpackte Butterhäppchen und Marmeladenportionen vergebens. Und… zwar nicht für mich aber dennoch eindrucksvoll, ein riesiges Glas der bekannten Nussnougatcreme mit Pumpspender. Auch hier hat man sich die Tellerrückläufe angesehen und Portionen optimiert. Die Brötchen sind von einer Größe von 50g auf 30g reduziert worden und die Butter wird streichfertig, mengenmäßig angepasst auf die Brötchen, aus einem Spender gezogen.

Es gibt frisches Obst und eine ordentliche Auswahl an Müsli, Nüssen und Samen. Pflanzenmilch gab es auf Nachfrage auch und so konnte ich mir meinen geliebten Porridge zusammenbasteln.

Verpackungsfreies Frühstück

 

 

Grünes Hotel Deutschland

Nach dem Frühstück treffe ich mich noch mit Sandra Tscharntke und darf mit ihr ein bisschen durch das Hotel streifen. Ich erfahre zum Beispiel von einem kontinuierlich abgesenkten CO2-Fußabdruck des Hotels, einem eigenen Bienenvolk auf dem Hoteldach und genieße von der Aussichtsplattform des Hotels, einen ziemlich weitschweifigen Blick über alles – Stadt, Land Fluss. Im Gastraum wird auf exotische Schnittblumen verzichtet und auf keinem der 120 Zimmer gibt es eine Minibar. In der Lobby gibt es einen Regio-Shop, wo man sich Getränke und Snacks besorgen kann. Auch hier wird also vermieden, dass Lebensmittel in kleinen Kühlschränken das Mindesthaltbarkeitsdatum überschreiten und dann entsorgt werden.

Recht beeindrucken fand ich auch, dass auf Chemiekeulen bei der Reinigung von Räumen und Wäsche verzichtet wird und stattdessen probiotische Mikroorganismen zum Einsatz kommen.

Atlantic Hotel Bad

Man merkt sehr deutlich, dass das Hotel-Team viel Liebe und Gehirnschmalz investiert um die einzelnen Komponenten der Hotellerie nachhaltig zu gestalten ohne dem Gast einen Verzicht auf den gewohnten Standard zuzumuten. Ich finde das toll. Ich mag den Prozess. Vielen Dank an das Team vom ATLANTIC Hotel Sail City für die Einladung und den schönen Abend mit einer ordentlichen Portion Transparenz und leckerem Resteessen. Ich komme bestimmt wieder – dann mit mehr Zeit!

Die ATLANTIC Hotels sind deutschlandweit mit 14 Hotels vertreten. Vornehmlich an maritimen Standorten im Norden Deutschlands. Die privat geführte Hotelgruppe existiert übrigens schon seit 25 Jahren.

Nachhaltiges Hotel Deutschland

Leider blieb mir dieses Mal nicht die Zeit mich noch etwas in Bremerhaven umzusehen, obwohl es dort einiges zu sehen gibt. Schaut doch bitte einmal bei meiner lieben Kollegin Jenni von „Mehr als Grünzeug“ vorbei. Letztes Jahr war sie zu Gast beim Resteessen und hat einen tollen Bericht darüber geschrieben. Sie ist auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit unfassbar viel schlauer und auch weiter als ich. Dort könnt ihr was lernen!

Hummus Shirt
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